Google zahlt Publisher für KI-Antworten: Warum das ihre Verhandlungsmacht schwächen könnte
Google testet ein Programm namens „AI Contribution“, das ausgewählte Publisher für Beiträge zu KI-Antworten bezahlt – ohne offenzulegen, wie viel oder nach welchen Kriterien. Was nach einem überfälligen Fortschritt klingt, könnte tatsächlich die eigene Verhandlungsmacht der Publisher schwächen.
Vor diesem Hintergrund testet Google erstmals, Publisher für Beiträge zu KI-Antworten zu bezahlen – aber ohne offenzulegen, wie viel oder warum.
- →Google testet seit spätestens September 2026 „AI Contribution“ – ein Pilotprogramm über die Search Console, das ausgewählte Publisher bezahlt, wenn ihre Inhalte „significantly“ zu Antworten in Gemini, AI Overviews und AI Mode beitragen.
- →Rund 100 Publisher nehmen inzwischen teil (The Information, 30.09.2026); das Programm reicht inzwischen über Nachrichtenanbieter hinaus und richtet sich vor allem an kleine und mittlere Publisher.
- →Die Berechnungsgrundlage bleibt laut einem Insider „quite black box“ – das Search-Console-Widget zeigt nur eine monatliche Auszahlungssumme samt etwas Historie, aber keine Methodik.
- →Frühe Auszahlungen sind laut einer Quelle „peanuts“ verglichen mit Werbeeinnahmen; ein Verlag berichtet von „lowball numbers“, die nicht einmal die eigene Umsatzschwelle erreichen.
- →Ein Publisher-Executive warnt: Die Teilnahme könne die eigene Verhandlungsmacht schwächen, weil Google das Programm künftig als bereits geleistete Kompensation ins Feld führen könnte.
- →Ein Branchenanalyst ordnet das Programm als „hedge against regulatory risk“ ein – vor dem Hintergrund laufender Kartell- und Regulierungsverfahren gegen Google.
- →Der regulatorische Druck ist nicht nur europäisch: Bereits im Juni 2026 urteilte die britische Wettbewerbsbehörde, dass Google Publishern einen Opt-out aus KI-Suchfunktionen ermöglichen muss.
- →Davon zu unterscheiden ist Googles „News AI Pilot“ mit inzwischen über 400 Medientiteln, darunter der Spiegel. Bezahlt werden dort Inhalte für Google News, nicht Beiträge zu den KI-Antworten der Suche.
Zahlung ja, Transparenz nein
Digiday berichtete am 14. September 2026: Google zahlt eingeladenen Websites über ein „AI Contribution“-Pilotprogramm in der Search Console – abgedeckt sind die Gemini-App, AI Overviews und AI Mode. Google selbst beschreibt es als „ein neues Modell für die Zusammenarbeit mit Websites, deren Inhalte seine generativen KI-Antworten aktualisiert halten“. Bezahlt wird nur, wenn ein Inhalt „significantly“ zu einer Antwort beiträgt – reine Links oder Faktenchecks im Nachgang zählen nicht. Was genau als signifikanter Beitrag gilt, bleibt undefiniert: Ein Insider beschreibt die Berechnung als „quite black box“.
Teilnehmende Publisher sehen in der Search Console ein „AI Contributions“-Panel mit einer monatlichen Auszahlungssumme samt etwas Historie – aber ohne jede Erklärung, wie diese Summe zustande kommt. Rund 100 Publisher nehmen laut einem aktuellen Bericht von The Information inzwischen teil; das Programm reicht deutlich über klassische Nachrichtenanbieter hinaus und spricht eher kleine und mittlere Publisher an als große.
„Peanuts“ relative to their advertising revenue — so beschreibt eine Quelle die frühen Auszahlungen gegenüber Digiday.
Ein Verlag berichtet von „lowball numbers“ bei Google und Wettbewerbern, die nicht einmal die eigene Umsatzschwelle für eine Teilnahme erreichen – Verhandlungen liefen deshalb weiter. Ein anderer Publisher-Vertreter bleibt trotzdem vorsichtig zuversichtlich: „Ich bin hoffnungsvoll, dass sie einen Präzedenzfall setzen.“ David Buttle, Gründer der Publisher-Analytics-Firma Spur, liefert eine mögliche Erklärung für die Intransparenz: Google wolle keinen Markt entstehen lassen, in dem es für die tatsächliche Nutzung journalistischer Inhalte zahlen müsste – offengelegte Marktpreise würden das eigene Geschäftsmodell gefährden.
Wie konkret diese Intransparenz in der Praxis aussieht, zeigen aktuelle Zahlen, über die The Information berichtet: Bei mehreren kleinen und mittelgroßen Blogs und Websites machen die Google-Zahlungen weniger als 0,1 % der eigenen Werbeeinnahmen aus. Ein Verlag erhielt dagegen in wenigen Monaten 50.000 bis 60.000 US-Dollar, ein anderer verdient nach eigenen Angaben mehr als eine Million Dollar pro Jahr – kleine Seiten kamen über mehrere Monate dagegen auf unter 1.000 US-Dollar. Mehrere Teilnehmer sagen, sie wüssten nicht, wie ihre Zahlungen berechnet werden, und die Beträge könnten sich von Monat zu Monat ohne Erklärung ändern. Einige größere Verlage verzichten deshalb bewusst auf eine Teilnahme, um Google zu höheren Zahlungen zu drängen – wer aussteigt, setzt Google damit aber kaum unter Druck, weil andere Quellen die Lücke füllen.
Zahlung kann auch die eigene Verhandlungsmacht kosten
Die eigentliche Pointe liegt nicht in der Zahlung selbst, sondern in ihrer Nebenwirkung. Ein Publisher-Executive bringt gegenüber Digiday das zentrale Risiko auf den Punkt: Die Teilnahme am Programm könne die eigene Hebelwirkung schwächen, weil Google künftig auf das Programm verweisen könnte, um zu argumentieren, es zahle bereits eine Entschädigung – statt über bessere Konditionen neu zu verhandeln. Wer heute geringe, undurchsichtige Zahlungen akzeptiert, hat morgen möglicherweise weniger Argumente für höhere.
Ein Branchenanalyst ordnet das Programm zusätzlich als „hedge against regulatory risk“ ein: Angesichts der laufenden Kartell- und Regulierungsverfahren gegen Google liefert „AI Contribution“ eine vorzeigbare Antwort auf den Vorwurf, Publisher-Content ohne jede Gegenleistung zu nutzen – unabhängig davon, ob die tatsächliche Kompensation angemessen ist. Kritiker sprechen deshalb von einer „illusion of contribution“. Der regulatorische Druck kommt dabei nicht nur aus Brüssel: Bereits im Juni 2026 urteilte die britische Wettbewerbsbehörde, dass Google Publishern einen Opt-out aus KI-Suchfunktionen ermöglichen muss – ein Präzedenzfall, der zeigt, wie unterschiedlich Regulierungsbehörden weltweit auf dasselbe Grundproblem reagieren.
Eine mögliche Verschiebung dieser Dynamik zeichnet sich juristisch ab, wenn auch bislang nur in einem anderen Fall: Das Landgericht München I entschied im Mai 2026, dass Googles KI-Übersichten eigenständige, neue Inhalte darstellen – keine bloße Zusammenfassung bestehender Quellen. Dort ging es um falsche Tatsachenbehauptungen über zwei Verlage, nicht um Vergütung. Setzt sich diese rechtliche Einordnung durch, könnten Publisher künftig aber eine gesetzliche Grundlage für Zahlungsansprüche haben, statt von Googles freiwilligem Programm abhängig zu sein – Google könnte dann nicht mehr im Alleingang entscheiden, ob und wen es bezahlt.
Aktualisiert am 16. Oktober 2026: Abschnitt „Ein zweites Programm“ ergänzt: Googles News AI Pilot mit inzwischen über 400 Medientiteln und die Abgrenzung zu AI Contribution.
Über 400 Partner, aber für Google News
Am 15. Oktober meldete Google, dass sein „News AI Pilot“ inzwischen über 400 Medientitel weltweit umfasst, also Zeitungen, Magazine und Nachrichtenseiten. Wie viele Verlage dahinterstehen, nennt Google nicht; ein Verlag kann mehrere Titel einbringen. Neu dabei sind unter anderem CNN, Axios, die Financial Times und Forbes sowie erstmals US-Lokalmedien. Gestartet war das Programm im Dezember 2025, unter anderem mit der Washington Post, dem Guardian, El País und dem Spiegel, dem bislang einzigen bekannten deutschsprachigen Partner. Leicht zu verwechseln ist es mit „AI Contribution“, um das es in diesem Insight geht. Es funktioniert aber anders:
Google spricht beim News AI Pilot ausdrücklich nicht von Lizenzen, sondern von kommerziellen Partnerschaften. Bezahlt werden „erweiterte Anzeigerechte“ und die Lieferung der Inhalte über Schnittstellen, laut Google mit Quellenangabe und Link. Laut einem Bericht von The Information verlangt Google in den Verträgen zudem weitreichende Rechte an den Inhalten, möglicherweise auch für KI-Training. Der Vertragstext ist nicht öffentlich.
Für die Verhandlungsmacht der Verlage verstärkt das den beschriebenen Mechanismus. Über 400 einzeln verhandelte Partnerschaften mit geheimen Konditionen heißen: Jeder Verlag verhandelt für sich allein. Und dort, wo Verlage die meisten Klicks verlieren, in den AI Overviews der Suche, gibt es weiterhin nur den kleinen Piloten auf Einladung. Dass Google von Partnerschaft statt Lizenz spricht, passt zum Muster von News Showcase, über das Google seit 2020 nach eigenen Angaben mindestens eine Milliarde US-Dollar an Verlage gezahlt hat: Es wird gezahlt, ohne anzuerkennen, dass eine Lizenz nötig wäre. Das ist unsere Einordnung, Googles Absichten kennen wir nicht.
Behauptung: „Google zahlt Publishern jetzt endlich fair für die Nutzung ihrer Inhalte in KI-Antworten.“
Einordnung: Höhe und Berechnung bleiben komplett intransparent – ein Insider nennt es „quite black box“. Ohne offengelegte Methodik lässt sich „fair“ nicht überprüfen, nur behaupten.
Behauptung: „Wer am Programm teilnimmt, verbessert automatisch die eigene Verhandlungsposition gegenüber Google.“
Einordnung: Laut einem Publisher-Executive eher das Gegenteil: Die Teilnahme kann die eigene Hebelwirkung schwächen, weil Google künftig auf das Programm als bereits gezahlte Kompensation verweisen könnte, statt über bessere Konditionen zu verhandeln.
Behauptung: „Das Programm ist rein altruistisch – Google will Publisher einfach fair entlohnen.“
Einordnung: Ein Branchenanalyst ordnet es als „hedge against regulatory risk“ ein: Angesichts laufender Kartell- und Regulierungsverfahren dient das Programm auch als vorzeigbare Antwort auf den Vorwurf, Publisher-Content ohne Gegenleistung zu nutzen.
Behauptung: „Weil manche Verlage über eine Million US-Dollar pro Jahr durch das Programm verdienen, ist die Vergütung insgesamt großzügig.“
Einordnung: Die Bandbreite ist extrem: Während einzelne Verlage sechs- bis siebenstellige Beträge erhalten, kommen mehrere kleine und mittlere Websites über Monate auf unter 1.000 US-Dollar oder unter 0,1 % ihrer Werbeeinnahmen. Ein Einzelfall sagt nichts über die Vergütung im Durchschnitt aus.
Teilnahme heißt nicht automatisch: Problem gelöst
Nicht nur klassische News-Publisher sind potenziell betroffen: Jedes Unternehmen mit content-lastigem Geschäftsmodell – Vergleichsportale, Testberichte, Fachmedien, Foren – sollte das Muster kennen, falls eine KI-Plattform künftig ein ähnliches Angebot macht: erst prüfen, ob die Auszahlung die eigene Umsatzschwelle erreicht, bevor man ein PR-freundliches, aber intransparentes Programm mitträgt.
Intransparente Berechnungsmethoden sollten nicht unhinterfragt akzeptiert werden, nur weil überhaupt gezahlt wird: Ohne offengelegte Kriterien lässt sich weder Fairness noch Vollständigkeit der Vergütung prüfen.
Das Programm ist ein früher, unfertiger Präzedenzfall – wer jetzt eine klare vertragliche Position bezieht (z. B. Forderung nach Transparenz oder Ausstiegsklauseln), hat mehr Einfluss auf den späteren Standard als wer stillschweigend teilnimmt.
Dieselbe Abhängigkeit aus einem weiteren Blickwinkel
Dass Google überhaupt zahlt, bestätigt implizit ein Problem, das der Insight „Die KI-Antwort braucht, was sie gerade zerstört“ beschreibt: KI-Antworten stützen sich auf redaktionelle, bewertende Quellen – und trocknen deren klickbasiertes Geschäftsmodell gleichzeitig aus. „AI Contribution“ ist ein erster, unfertiger Versuch, diese Lücke zu schließen, ohne das zugrunde liegende Ungleichgewicht wirklich zu beheben.
Zahlung, Blackbox und Verhandlungsmacht
Nein. Der News AI Pilot umfasst über 400 einzeln verhandelte Partnerschaften, in denen Google Inhalte für KI-Funktionen in Google News bezahlt, etwa Artikelzusammenfassungen und Audio-Briefings. AI Contribution ist ein Pilot auf Einladung über die Search Console und bezahlt Beiträge zu AI Overviews, AI Mode und Gemini.
Ein Pilotprogramm über die Search Console, das ausgewählte Publisher bezahlt, wenn ihre Inhalte „significantly“ zu Antworten in Gemini, AI Overviews und AI Mode beitragen. Bezahlt wird nur bei signifikantem Beitrag – reine Links oder Faktenchecks zählen nicht.
Das Search-Console-Panel zeigt nur eine monatliche Auszahlungssumme ohne Erklärung der Berechnung – ein Insider nennt es „quite black box“. Frühe Auszahlungen werden von Beteiligten als „peanuts“ im Vergleich zu Werbeeinnahmen beschrieben.
Laut einem Publisher-Executive ja: Google könnte das Programm künftig als bereits geleistete Kompensation anführen, statt über bessere Konditionen zu verhandeln. Wer heute geringe Zahlungen akzeptiert, hat morgen weniger Argumente für höhere.
Ein Branchenanalyst ordnet es als Absicherung gegen regulatorisches Risiko ein: Angesichts laufender Kartell- und Regulierungsverfahren liefert es eine vorzeigbare Antwort auf den Vorwurf, Publisher-Content ohne Gegenleistung zu nutzen.
Die Beträge streuen extrem: Ein Verlag berichtet von 50.000 bis 60.000 US-Dollar in wenigen Monaten, ein anderer von über einer Million Dollar pro Jahr – mehrere kleine und mittlere Websites kommen dagegen über Monate auf unter 1.000 US-Dollar oder unter 0,1 % ihrer Werbeeinnahmen. Wie die Beträge berechnet werden, bleibt laut mehreren Teilnehmern unklar.
Möglicherweise. Das Landgericht München I entschied im Mai 2026 – in einem anderen Fall, zu falschen Tatsachenbehauptungen über zwei Verlage –, dass KI-Übersichten eigenständige Inhalte seien, keine bloßen Zusammenfassungen. Setzt sich diese Einordnung durch, könnten Publisher künftig eine gesetzliche Grundlage für Vergütungsansprüche haben, statt von Googles freiwilligem Programm abhängig zu sein.
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