Nicht der Chat, sondern die Suche: Warum die EU jetzt ChatGPT wie Google reguliert
Die EU-Kommission hat ChatGPT erstmals als „Very Large Online Search Engine“ eingestuft – dieselbe Kategorie, in der bislang nur Google Search und Bing standen. Was die Einstufung für OpenAI bedeutet, welche Pflichten ab Januar 2027 gelten – und warum auch Unternehmen, die ChatGPT für eigene Agenten oder GEO-Strategien nutzen, die Entwicklung im Blick behalten sollten.
Erstmals fällt eine eigenständige KI-Anwendung unter dieselbe regulatorische Kategorie wie Google-Suche oder Bing.
- →Am 31. August 2026 stuft die EU-Kommission ChatGPT erstmals als „Very Large Online Search Engine“ (VLOSE) ein – die erste eigenständige KI-Anwendung mit diesem Status.
- →Maßgeblich ist die Suchfunktion: Laut OpenAI hatte die ChatGPT-Suche von Oktober 2025 bis März 2026 durchschnittlich 159,1 Millionen monatlich aktive Nutzer in der EU – mehr als das Dreieinhalbfache der gesetzlichen Schwelle von 45 Millionen.
- →Die Einstufung erfolgt als „Hybrid-Dienst“: ChatGPT gilt als Suchmaschine, weil es auf Nutzeranfragen hin auch das Web durchsucht. Den allgemeinen DSA-Pflichten für Suchmaschinen unterlag ChatGPT schon vorher – neu ist die Einstufung als „sehr groß“.
- →Bis Januar 2027 muss OpenAI zusätzliche Pflichten erfüllen: jährliche, unabhängig geprüfte Risikoanalysen und verschärfte Transparenzpflichten – bei Verstößen drohen Bußgelder bis 6 % des weltweiten Jahresumsatzes.
- →Am selben Tag wurden Reddit und Roblox als „Very Large Online Platforms“ eingestuft. Insgesamt hat die Kommission damit 28 sehr große Plattformen und Suchmaschinen benannt – ChatGPT ist der erste KI-Assistent darunter.
- →Weil ChatGPT seit August 2026 auch in der EU Werbung zeigt, muss OpenAI künftig ein öffentliches Werbearchiv führen – Anzeigen samt Auftraggeber, Targeting und Reichweite werden damit nachvollziehbar.
Erstmals gilt eine KI-Anwendung als sehr große Suchmaschine
Am 31. August 2026 verkündete die Europäische Kommission eine Reihe neuer Einstufungen unter dem Digital Services Act (DSA): ChatGPT wird erstmals als „Very Large Online Search Engine“ (VLOSE) eingestuft, Reddit und Roblox als „Very Large Online Platforms“ (VLOP). Grundlage ist eine einfache Zahlen-Schwelle: Dienste mit mehr als 45 Millionen durchschnittlichen monatlichen Nutzern in der EU gelten als „sehr groß“ und unterliegen zusätzlichen Pflichten. OpenAI Ireland Limited meldete für die ChatGPT-Suche – also die Websuche innerhalb von ChatGPT – im Sechsmonatszeitraum bis Ende März 2026 durchschnittlich 159,1 Millionen monatlich aktive Nutzer in der EU, mehr als das Dreieinhalbfache der Schwelle.
„ChatGPT is a hybrid service that qualifies as an online search engine under the DSA.“Begründung der EU-Kommission, 31.08.2026
Besonders bemerkenswert ist die Begründung. Die Kommission stuft ChatGPT nicht als „Online-Plattform“ ein wie etwa Reddit, wo Nutzer Inhalte für andere veröffentlichen, sondern als „Hybrid-Dienst“, der in die Suchmaschinen-Kategorie fällt: ChatGPT kann auf Anfragen hin das Web durchsuchen und gilt damit im Rechtssinn als Suchmaschine – unabhängig davon, dass die meisten Nutzer es eher als Chat-Assistenten wahrnehmen dürften.
Damit stehen in der Suchmaschinen-Kategorie erstmals seit 2023 drei statt zwei Dienste. Wichtig für die Einordnung: Den allgemeinen DSA-Pflichten für Suchmaschinen unterlag ChatGPT schon vorher. Neu ist die Größenordnung – und damit eine strengere Aufsicht. Zuständig ist künftig die EU-Kommission selbst, gemeinsam mit der irischen Medienaufsicht Coimisiún na Meán, weil OpenAI seinen EU-Sitz in Irland hat.
Vier Monate Zeit, strenge Pflichten, hohe Bußgelder
Mit der Einstufung beginnt für OpenAI eine vier Monate lange Übergangsfrist: Bis Januar 2027 muss das Unternehmen die zusätzlichen VLOSE-Pflichten erfüllen, die der DSA für sehr große Dienste vorsieht – darunter jährliche, unabhängig geprüfte Risikoanalysen zu Themen wie illegalen Inhalten, Auswirkungen auf Minderjährige, psychischer Gesundheit, Grundrechten, Wahlprozessen und öffentlicher Sicherheit, dazu verschärfte Transparenzpflichten. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Für Unternehmen, die GEO-Strategien oder eigene KI-Agenten auf Basis von ChatGPT betreiben, ist ein Satz der Kommission interessant: Mit der Einstufung erhält sie Befugnisse, „die Funktionen hinter diesen Diensten und gegebenenfalls zugehörige Systeme“ zu untersuchen. Wie weit das reicht – etwa bis zu Agenten-Funktionen oder Schnittstellen, über die andere Unternehmen auf ChatGPT aufbauen –, lässt die Kommission offen. Naheliegend ist aber: Was OpenAI zur Erfüllung der neuen Pflichten an Moderationsregeln und Nutzungsrichtlinien ändert, gibt es an alle weiter, die auf ChatGPT aufbauen – auch wenn diese selbst nicht Adressat der Einstufung sind.
„We continue to watch the digital landscape closely and will not hesitate to designate any platform that meets the threshold for enhanced supervision under the Digital Services Act.“Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der EU-Kommission für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie
Bislang ist ChatGPT damit ein Einzelfall unter den KI-Assistenten. Anthropic etwa meldet für seinen Dienst Claude nach eigenen DSA-Angaben Nutzerzahlen deutlich unter der Schwelle (Stand: Sechsmonatszeitraum bis Ende Oktober 2025). Die Einstufung folgt dabei keinem politischen Zeitplan, sondern den gemeldeten Zahlen: Wer die Schwelle überschreitet, wird benannt.
Behauptung: „Die VLOSE-Einstufung betrifft nur OpenAI, nicht die Unternehmen, die ChatGPT für eigene GEO- oder Agenten-Strategien nutzen.“
Einordnung: Direkt verpflichtet ist nur OpenAI. Die Kommission erhält aber Befugnisse, die Funktionen hinter ChatGPT und gegebenenfalls zugehörige Systeme zu untersuchen. Reagiert OpenAI darauf mit strengeren Moderationsregeln oder Nutzungsrichtlinien, trifft das indirekt auch Unternehmen, die auf ChatGPT aufbauen.
Behauptung: „Weil ChatGPT jetzt als Suchmaschine eingestuft wurde, gelten für Google und Bing künftig dieselben neuen Regeln.“
Einordnung: Nein. Google Search und Bing sind bereits seit 2023 als VLOSE eingestuft. Neu ist, dass mit ChatGPT erstmals eine eigenständige KI-Anwendung dieselbe Kategorie erreicht – nicht ein neues Regelwerk für bestehende Suchmaschinen.
Behauptung: „Die 159 Millionen zeigen die aktuelle Gesamtreichweite von ChatGPT in der EU.“
Einordnung: Nein. Die Zahl ist ein von OpenAI selbst gemeldeter Durchschnitt – nur für die Suchfunktion von ChatGPT und nur für den Zeitraum Oktober 2025 bis März 2026. OpenAI betont, dass sie ausschließlich zur Erfüllung der DSA-Pflichten berechnet wurde und nicht für andere Zwecke herangezogen werden soll.
Was die Einstufung für Sichtbarkeit und Marketing bedeutet
Für Unternehmen, die auf ChatGPT aufbauen – etwa mit eigenen Agenten oder Automatisierungen: Was OpenAI zur Erfüllung der neuen Pflichten an Moderationsregeln und Nutzungsrichtlinien ändert, gibt es an alle weiter, die darauf aufbauen. Wie weit die Kommission dabei auch Agenten-Funktionen und Schnittstellen untersucht, ist offen – beobachten statt voraussetzen.
Für GEO entsteht eine neue Informationsquelle: OpenAI muss die Ergebnisse seiner Risikobewertung, die Gegenmaßnahmen und den Bericht einer jährlichen unabhängigen Prüfung veröffentlichen; geprüfte Forscher können Zugang zu Daten erhalten (Art. 37, 40 und 42 DSA). Das betrifft nur systemische Risiken wie Desinformation – kann aber mittelfristig mehr darüber zeigen, wie die ChatGPT-Suche Quellen auswählt, als heutiges Reverse Engineering. Bis erste Berichte vorliegen, dürfte allerdings mehr als ein Jahr vergehen.
Für das Marketing wird ChatGPT-Werbung nachvollziehbar: Seit dem 24. August 2026 zeigt ChatGPT auch in der EU Anzeigen. Als sehr große Suchmaschine muss OpenAI dafür ein öffentliches, durchsuchbares Werbearchiv führen – mit Inhalt, Auftraggeber, Laufzeit, wesentlichen Targeting-Parametern und Reichweite jeder Anzeige (Art. 39 DSA). Damit werden ab Januar 2027 auch die ChatGPT-Kampagnen von Wettbewerbern einsehbar.
Wie der Anzeigenkanal in ChatGPT funktioniert und was er für die eigene Sichtbarkeitsstrategie bedeutet, beschreibt der Insight „ChatGPT hat jetzt Werbung, aber nicht in jedem Tarif“.
VLOSE-Einstufung von ChatGPT: Die wichtigsten Fragen
VLOSE steht für „Very Large Online Search Engine“ (sehr große Online-Suchmaschine) – eine Kategorie des EU Digital Services Act für Suchdienste mit mehr als 45 Millionen durchschnittlichen monatlichen Nutzern in der EU, die zusätzlichen Transparenz- und Sorgfaltspflichten unterliegen.
Die EU-Kommission stuft ChatGPT als „Hybrid-Dienst“ ein: Weil es auf Nutzeranfragen hin auch das Web durchsuchen kann, fällt es rechtlich in die Suchmaschinen-Kategorie – anders als etwa Reddit oder Roblox, die als Plattformen gelten, weil Nutzer dort Inhalte für andere veröffentlichen.
Die Kommission räumt vier Monate Übergangszeit ein – die Frist endet im Januar 2027.
Ja. Sehr große Suchmaschinen, die Werbung anzeigen, müssen nach Art. 39 DSA ein öffentliches, durchsuchbares Werbearchiv führen – mit Inhalt, Auftraggeber, Laufzeit, wesentlichen Targeting-Parametern und Reichweite jeder Anzeige. ChatGPT zeigt seit dem 24. August 2026 auch in der EU Anzeigen; die Pflicht greift mit Ende der Übergangsfrist im Januar 2027.
Nicht direkt – verpflichtet ist OpenAI. Indirekt kann sie es: Die Kommission darf auch die Funktionen hinter ChatGPT und gegebenenfalls zugehörige Systeme untersuchen. Passt OpenAI daraufhin Moderationsregeln oder Nutzungsrichtlinien an, betrifft das auch Unternehmen, die Agenten oder Automatisierungen auf ChatGPT aufbauen.
Wie Sie Ihre KI-Sichtbarkeit aufbauen, ohne von der Regulierung eines einzelnen Anbieters abhängig zu werden.
Platz im GEO-Webinar sichern →
