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Insight · 5. September 2026 · AI Search & Visibility

Ein Index ist noch kein Ranking: Was ChatGPT über die neue Infrastruktur von GEO verrät

Michael MohauptVon Michael Mohaupt
OpenAIRetrieval-InfrastrukturGEO

Reverse-Engineering-Analysen zeigen: ChatGPT nutzt einen eigenen Index namens „Labrador“ – neben Google, Microsoft und Drittanbieter-Scrapern. Warum daraus keine „Labrador-SEO“-Checkliste folgen sollte, sondern ein mehrstufiges Modell für generative Sichtbarkeit.

0 %Zitationsrate, wenn ChatGPT die Seite tatsächlich öffnet
0 %Zitationsrate, wenn die Seite nur gelistet, aber nicht geöffnet wird

„Geöffnet“ heißt: ChatGPT ruft die Seite im Thinking-Modus tatsächlich ab und liest sie. „Nur gelistet“ heißt: Es bleibt beim Snippet aus dem Discovery-Index, die Seite wird nie abgerufen. Laut RESONEO-Auswertung von 1.200 ChatGPT-Antworten ist Gelistet-Sein die Voraussetzung, nicht das Ergebnis.

Auf einen Blick
  • Reverse-Engineering-Analysen (u. a. von Peec AI und RESONEO) deuten darauf hin, dass ChatGPT über einen eigenen Retrieval-Index verfügt – intern „Labrador“ genannt – mit Teilindizes für Web, PDFs, News, YouTube, arXiv, Wikipedia, Local, Finance, Legal, Medical, Shopping und Bilder.
  • Parallel dazu nutzt ChatGPT weiterhin externe Quellen: Google- und Microsoft-Infrastruktur, Yelp, TripAdvisor sowie Drittanbieter-Scraper wie Bright Data und Oxylabs.
  • Laut Profound (240 Mio. ausgewertete ChatGPT-Zitationen) stieg die Übereinstimmung zwischen ChatGPT-Zitationen und Google-Ergebnissen von 12 % (April 2025) auf 33 % (Juli 2025), während die Übereinstimmung mit Bing im selben Zeitraum von 26 % auf 8 % sank.
  • Die RESONEO-Auswertung von 1.200 ChatGPT-Antworten, 88.000 Suchergebnissen und 26.900 Seiten beschreibt drei technische Ebenen: einen Discovery-Index (Labrador), einen Lese-Cache bereits verarbeiteter Seiten und eine kleine Menge live abgerufener Seiten – nur 1,5 % der Labrador-URLs erschienen dabei auch in Bings Top 20 für dieselben Fan-out-Suchen.
  • Auch wenn ChatGPT mit Google übereinstimmt, verteilen sich die Zitationen deutlich flacher über die Ergebnispositionen als menschliche Klicks: Google-Position 1 erhält 27,5 % der menschlichen Klicks, aber nur 10 % der ChatGPT-Zitationen.
Was ist passiert

Labrador: ChatGPTs eigener Retrieval-Index

Mehrere unabhängige Analysten haben in den vergangenen Monaten Hinweise zusammengetragen, dass ChatGPT nicht ausschließlich auf Google- oder Bing-Ergebnisse zurückgreift, sondern über eine eigene Retrieval-Infrastruktur verfügt. Peec AI wertete dafür unter anderem ein Feld namens result_source in den Server-Side-Events von ChatGPT aus, das zwischen Mai und Juli 2026 Werte wie „Labrador“, „Bright“, „Oxylabs“ und „SERP“ zeigte – je nachdem, woher eine Information tatsächlich stammte. Dazu kommen indirekte Belege: Stellenausschreibungen von OpenAI, die von Indexierungssystemen „im Exabyte-Bereich“ sprechen, sowie ein beobachteter A/B-Test namens „prefer-index-over-serp-v3“, der laut Peec AI rund 8 % der Chats betraf.

ChatGPT
PDFs
Wikipedia
YouTube
ArXiv
ChatGPT-Crawler
Web IQ (Microsoft)
Google
Yelp
Tripadvisor

Dass OpenAI überhaupt eigene Retrieval-Infrastruktur aufbaut, hat auch außerhalb dieser Analysen einen Beleg: Im April 2025 sagte OpenAIs Nick Turley im Rahmen des Kartellverfahrens der US-Regierung gegen Google (Remedies-Phase) aus, dass OpenAI zuvor erfolglos versucht hatte, Zugang zu Googles Such-Index zu bekommen. Als Reaktion baute OpenAI eigene Indexierungs-Infrastruktur auf und ergänzte sie um Daten aus Drittanbieter-Scraping – mit dem eigenen, laut Berichterstattung bislang verfehlten Ziel, bis Ende 2025 rund 80 % des suchbezogenen Antwort-Traffics über einen eigenen Index abzudecken. Eine belastbare Angabe, seit wann genau OpenAI daran arbeitet, ließ sich in dieser Recherche nicht unabhängig verifizieren.

ChatGPT-Übereinstimmung mit Google und Bing (Profound, 240 Mio. Zitationen)
GoogleBing
0 %
0 %
April 2025
0 %
0 %
Juli 2025

Profound zieht daraus eine vorsichtige Schlussfolgerung: Auch beim aktuellen Höchstwert von 33 % stimmt der überwiegende Teil der ChatGPT-Zitationen nicht mit Google überein – ChatGPT trifft weiterhin eine weitgehend eigenständige Quellenauswahl. Und die Übereinstimmung ist kein stabiler Zustand: Mehr als die Hälfte der Zitationen ändert sich laut Profound von Monat zu Monat, klassisches Rank-Tracking läuft damit ins Leere.

Warum das relevant ist

Gelesen zu werden ist nicht dasselbe wie zitiert zu werden

Die eigentliche Erkenntnis ist nicht, dass ein weiterer Index existiert, sondern dass generative Sichtbarkeit auf einer mehrstufigen Infrastruktur beruht, deren Ebenen unterschiedlichen Regeln folgen. Die aktuellen Funde betreffen vor allem die vorderen Stufen dieser Kette:

Discovery
Index
Retrieval
Reading/Context
Generation
Citation
Business Outcome

Die RESONEO-Auswertung macht das konkret messbar: Im „Instant“-Modus – laut der Analyse 93 % der schnellen Antworten – wird gar keine Seite geöffnet, ChatGPT arbeitet nur mit dem Snippet aus dem Discovery-Index. Erst im „Thinking“-Modus werden Seiten tatsächlich abgerufen und in einen Lese-Cache mit rund 30 Minuten Aktualitätsfenster übernommen – Seiten über 4 MB werden dabei laut RESONEO gar nicht erst gelesen. Der Unterschied zeigt sich deutlich in den Zitationsraten: Seiten, die tatsächlich geöffnet wurden, wurden in 74 % der Fälle zitiert – nur retrieved, aber nicht geöffnet, waren es 7 %. Selbst dort, wo ChatGPT mit Google übereinstimmt, gilt eine ähnliche Abschwächung: Google-Position 1 bekommt 27,5 % der menschlichen Klicks, aber nur 10 % der ChatGPT-Zitationen; Position 10 sogar mehr Zitationen (4 %) als Klicks (2,5 %). Klassische Ranking-Positionen zählen also weniger stark, als das Such-Denken nahelegt.

Das bedeutet: Im Index zu erscheinen ist nicht dasselbe wie gelesen zu werden, und gelesen zu werden ist nicht dasselbe wie zitiert zu werden. Google-Ranking, ChatGPT-Indexierung, Retrieval und Citation sind vier unterschiedliche Dinge mit jeweils eigenen Selektionslogiken.

Reality Check

Behauptung:ChatGPT hat einen eigenen Index – jetzt brauchen wir eigenes ‚Labrador-SEO‘.

Einordnung: Verfrüht. Labrador ist laut den Analysen nur einer von mehreren Sourcing-Wegen neben Google, Microsoft, Yelp/TripAdvisor und Drittanbieter-Scrapern – und OpenAI hat keine der zugrunde liegenden Rankingfaktoren offiziell dokumentiert. Aktuelle „Optimierungstipps“ beruhen auf Reverse-Engineering einzelner Analysten, nicht auf verifizierter Methodik.

Behauptung:Weil die Übereinstimmung mit Google zuletzt auf bis zu 33 % gestiegen ist, reicht klassisches Google-Ranking jetzt auch für ChatGPT.

Einordnung: Auch beim bisherigen Höchstwert stimmen zwei Drittel der ChatGPT-Zitationen nicht mit Google überein. Und selbst wenn sie es tun, verteilen sie sich flacher über die Positionen als menschliche Klicks – Platz 1 bei Google zu sein hilft bei ChatGPT-Zitationen spürbar weniger als bei menschlichen Nutzern.

Behauptung:Weil es kaum Überschneidung mit Bings Top 20 gibt, sind klassische Rankings für ChatGPT komplett irrelevant.

Einordnung: Zu pauschal. Im Instant-Modus, der laut RESONEO die meisten Antworten ausmacht, zählt vor allem der Snippet im Discovery-Index. Sobald ChatGPT jedoch in den Thinking-Modus wechselt und Seiten tatsächlich öffnet, steigt die Zitationsrate deutlich – klassische Inhaltsqualität bleibt relevant, nur an einer anderen Stelle der Kette.

Behauptung:Wenn meine Seite in Labrador gelistet ist, wird sie auch in Antworten zitiert.

Einordnung: Nein. Laut RESONEO liegt die Zitationsrate für nur retrieved, aber nicht geöffnete Seiten bei 7 %, für tatsächlich geöffnete Seiten bei 74 %. Gelistet zu sein ist die Voraussetzung, nicht das Ergebnis.

Was das für Unternehmen heißt

Warum eine einzige GEO-Kennzahl nicht reicht

1

GEO-Messung sollte die einzelnen Stufen unterscheiden, statt nur eine Endzahl zu berichten: nicht gecrawlt, nicht indexiert, retrieved aber nicht gelesen, gelesen aber nicht zitiert, zitiert aber ohne erkennbare Marke – jede Stufe hat andere Ursachen und andere Hebel.

2

Klassisches Google-/Bing-Ranking bleibt ein relevantes Signal, aber kein verlässlicher Proxy für ChatGPT-Sichtbarkeit. Beide sollten getrennt beobachtet werden, nicht als austauschbar behandelt – zumal sich die Übereinstimmung von Monat zu Monat spürbar verschiebt.

3

Solange OpenAI keine belastbare eigene Dokumentation der Labrador-Rankingfaktoren veröffentlicht, sind aktuelle „Labrador-SEO“-Checklisten (lange Titel, Kerninhalt in den ersten 200 Zeichen, Seiten unter 4 MB) Hinweise aus Reverse-Engineering – nützlich als Ausgangspunkt, nicht als gesicherte Methodik, auf die man eine Strategie aufbaut.

Verwandter Gedanke

Zwei getrennte Probleme: Auffindbarkeit und Geschäftswert

Dieselbe Unterscheidung wie im Resolution Paradox – dass Sichtbarkeit in einer KI-Antwort nicht automatisch Geschäftswert bedeutet – zeigt sich hier eine Ebene früher: Bevor die Frage nach Zitation und Markenerkennung überhaupt entsteht, muss ein Inhalt zunächst mehrere vorgelagerte Selektionsstufen durchlaufen – Discovery, Index, Retrieval, Reading. GEO hat damit mindestens zwei getrennte Probleme: eines der Auffindbarkeit (upstream) und eines der Geschäftswirkung (downstream).

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